Die meisten Artikel über Bluesky fallen in eine von zwei Schubladen. Entweder "die Twitter-Alternative, auf die alle gewartet haben" oder "Hype vorbei, Plattform tot". Beides ist falsch, und beides hilft dir bei der Entscheidung nicht weiter.
Hier ist die ehrliche Version: Bluesky ist deutlich kleiner als vor eineinhalb Jahren. Als Reichweitenkanal ist es keine Konkurrenz zu Instagram, LinkedIn oder TikTok — nicht annähernd. Und trotzdem ist es für eine bestimmte Gruppe von Marken 2026 die technisch interessanteste Plattform am Markt, weil dort Dinge möglich sind, die auf keinem anderen großen Netzwerk gehen.
Dieser Beitrag ist der Auftakt einer Reihe, in der wir die Social-Media-Plattformen nacheinander durchgehen. Wir starten mit der, bei der die Faktenlage am meisten durcheinandergeht.
Die Zahlen, ohne Schönfärberei
Fangen wir mit dem an, was die meisten Bluesky-Artikel weglassen.
Bluesky hat Stand Sommer 2026 knapp 46 Millionen registrierte Accounts. Das ist die Zahl, die überall zitiert wird — und sie sagt fast nichts aus, weil registrieren nicht nutzen bedeutet.
Die belastbareren Zahlen kommen von Similarweb und sind weniger schmeichelhaft: Die Bluesky-App kam im Juni 2026 auf rund 10,4 Millionen monatlich aktive Nutzer — ein Minus von 27 % gegenüber dem Vorjahr. Die täglich aktiven Nutzer lagen im Juli bei etwa 3 Millionen, ebenfalls rund ein Viertel weniger als im Vorjahr. Gegenüber dem Höhepunkt nach der US-Wahl Ende 2024 hat die App rund die Hälfte ihrer monatlich aktiven Nutzer verloren.
Zum Vergleich: Threads meldete im Juli 2026 etwa 147 Millionen täglich aktive Nutzer, X rund 302 Millionen monatlich aktive Nutzer.
Wenn du also Bluesky als Reichweitenkanal betrachtest, ist die Antwort einfach: Es ist keiner. Wer heute mit der Erwartung einsteigt, dort die Zahlen von Instagram zu wiederholen, wird enttäuscht.
Es gibt aber eine Zahl, die in die andere Richtung zeigt. Die Stickiness — das Verhältnis von täglich zu monatlich aktiven Nutzern — lag im Juni bei rund 29 %. Das ist praktisch identisch mit Threads. Übersetzt: Wer geblieben ist, ist wirklich da. Bluesky ist klein, aber es ist nicht lauwarm.
Und genau das ist der Punkt, an dem es für Unternehmen interessant wird.
Was Bluesky technisch anders macht
Bluesky ist nicht einfach ein weiterer Twitter-Klon mit anderem Logo. Der Unterschied liegt in der Architektur, und der wirkt sich direkt darauf aus, was du als Marke dort tun kannst.
Das AT Protocol trennt Inhalt von Ranking. Bei Instagram, TikTok oder LinkedIn entscheidet genau ein Algorithmus, wer deine Beiträge sieht. Auf Bluesky ist die Frage "wo liegen die Daten" von der Frage "wer sortiert sie" getrennt. Das klingt nach Technik-Detail, hat aber sehr praktische Folgen.
Custom Feeds sind der wichtigste Unterschied. Jeder kann einen Feed bauen: einen gefilterten Strom von Beiträgen zu genau einem Thema, dem andere Menschen folgen können wie einem Account. Es gibt Feeds zu Design, SaaS, Klimaforschung, Wissenschaft, Sport, Finanzen. Bluesky hat für 2026 angekündigt, Feeds noch stärker in den Mittelpunkt der App zu rücken und sie bei Live-Ereignissen kuratiert auszuspielen.
Für Marken heißt das etwas, das es sonst nirgends gibt: Distribution ist nicht nur etwas, das dir zugeteilt wird. Du kannst sie mitbauen.
Der Following-Feed ist chronologisch. Wer dir folgt, sieht deine Beiträge — in der Reihenfolge, in der du sie veröffentlicht hast. Kein Sortieren, keine Reichweitendrosselung, keine Spekulation darüber, ob der Algorithmus heute gut gelaunt ist. Für Teams, die seit Jahren Reichweitenschwankungen erklären müssen, ist das ein ungewohnt ruhiges Arbeiten.
Verifizierung läuft über deine Domain. Du kannst deine eigene Domain als Handle setzen — aus @irgendwas.bsky.social wird @deinemarke.de. Das ist kein bezahltes Abo-Häkchen, sondern ein technischer Nachweis, dass du die Domain kontrollierst. Kostenlos, an deine Domainhoheit gebunden und für Markenaccounts ehrlich gesagt die eleganteste Verifizierungslösung im gesamten Social-Web.
Moderation ist stapelbar. Statt einer zentralen Regelinstanz gibt es sogenannte Labeler, die Inhalte kennzeichnen. Nutzer entscheiden, welchen sie folgen. Das verlagert Kontrolle vom Betreiber zum Nutzer — und ist der Grund, warum die Diskussionsqualität auf Bluesky in vielen Nischen spürbar anders ist.
Starter Packs sind der unterschätzte Wachstumshebel. Ein Starter Pack ist eine kuratierte Sammlung von Accounts und Feeds, die man mit einem Tap komplett abonnieren kann. Wer in einem relevanten Pack landet, bekommt keine einzelnen Follower, sondern wird als Teil eines vertrauenswürdigen Clusters entdeckt.
Was 2026 bei Bluesky tatsächlich passiert ist
Ein kurzer Faktenstand, weil sich in diesem Jahr einiges bewegt hat:
- Führungswechsel. Jay Graber hat im März 2026 die CEO-Rolle abgegeben und ist Chief Innovation Officer geworden. Toni Schneider — früher CEO von Automattic, dem Unternehmen hinter WordPress.com — hat zunächst interimsweise übernommen und ist seit Juli offiziell CEO.
- Die Roadmap wurde öffentlich gemacht. Produktchef Alex Benzer hat im Januar drei Schwerpunkte benannt: Live-Momente, ein stabileres Fundament und mehr Sichtbarkeit für Apps im Ökosystem.
- Basics wurden nachgeliefert. Entwürfe (Drafts) kamen im Februar. Bis zu zehn Bilder pro Beitrag sind inzwischen möglich. Längere Videos, schnellere Uploads und einfacheres Thread-Erstellen stehen auf der Liste.
- Live-Funktionen. Ein "LIVE"-Badge erscheint automatisch auf deinem Bluesky-Profil, sobald du auf Twitch oder Streamplace streamst.
- Der Discover-Feed bekommt ein eigenes Team, dazu werden Themen-Tags getestet, mit denen Beiträge leichter ihre Zielgruppe finden.
- Das Ökosystem wächst schneller als die App. Rund um das AT Protocol entstehen eigenständige Apps und Netze. Das ist ausdrücklich die Strategie des Unternehmens — nicht nur die Bluesky-App groß machen, sondern das Protokoll.
Bemerkenswert an Benzers Roadmap-Text ist die Offenheit: Er schreibt selbst, dass die Grundlagen stimmen müssen, bevor Menschen bleiben. Das ist ein ungewöhnlich ehrlicher Ton für eine Plattformankündigung — und ein brauchbares Signal dafür, dass das Team weiß, wo es steht.
Warum das für dich interessant sein kann
Jetzt der eigentliche Teil. Fünf Gründe, warum Bluesky für Marken, Agenturen und B2B-Teams trotz kleiner Zahlen relevant ist:
1. Es gibt keine Werbung — also auch keinen Bieterkampf. Bluesky hat bis heute kein Werbeprodukt. Das Unternehmen setzt auf Abos und Zusatzdienste statt auf Anzeigen. Konsequenz: Niemand kauft sich vor dir in den Feed. Organisch ist dort nicht die günstige Variante, sondern die einzige. Wer organisch gut ist, wird nicht von Budget überholt.
2. Die offene Schnittstelle bedeutet: keine Wartezeit auf Freigaben. Auf LinkedIn, Instagram und TikTok brauchst du für automatisiertes Veröffentlichen ein Partnerprogramm, eine App-Prüfung und Geduld. Beim AT Protocol ist der Zugang offen. Das ist der Grund, warum es für Bluesky so viele Drittanbieter-Clients gibt und warum Tools dort schneller funktionsfähig sind als auf den geschlossenen Plattformen.
3. Ein Link ist einfach ein Link. Auf Bluesky gibt es keine bekannte Abstrafung für externe Verlinkungen, und der Following-Feed ist ohnehin chronologisch. Wenn dein Content-Modell darauf beruht, Menschen auf deine Website, deinen Blog, deinen Shop oder dein Whitepaper zu bringen, ist das ein handfester struktureller Vorteil gegenüber Plattformen, die Nutzer möglichst in der App halten wollen.
4. Die Zielgruppe ist nicht beliebig. Bluesky ist überdurchschnittlich stark bei Tech, Medien, Wissenschaft, Design, Open Source und Politik. Für eine lokale Bäckerei ist das die falsche Adresse. Für ein SaaS-Unternehmen, eine Digitalagentur, eine Fachredaktion oder einen B2B-Dienstleister ist die Trefferquote pro Beitrag oft besser als die absolute Reichweite vermuten lässt.
5. Der Wettbewerb um Aufmerksamkeit ist niedrig. Auf Instagram konkurrierst du mit Millionen Marken um dieselben Sekunden. Auf Bluesky sind die meisten Unternehmen schlicht nicht da. Ein durchdachter Account in einer Nische fällt dort auf eine Art auf, die auf den großen Plattformen nicht mehr bezahlbar ist.
Für wen sich Bluesky nicht lohnt
Genauso wichtig. Lass es, wenn:
- dein Geschäft lokal und B2C ist — Handwerk, Gastronomie, Einzelhandel vor Ort. Deine Kundschaft ist dort nicht.
- deine Inhalte visuell und produktgetrieben sind. Bluesky kann Bilder und Videos, ist aber im Kern eine Textplattform. Für Social Commerce ist es der falsche Ort.
- dein Team ohnehin schon zu wenig Kapazität hat. Eine weitere Plattform, die halbherzig bespielt wird, hilft niemandem. Ein toter Account ist schlechter als kein Account.
- du belastbare Analytics für einen Quartalsreport brauchst. Native Insights sind minimal. Es gibt Drittanbieter, aber nichts, was einem Meta Business Suite oder LinkedIn Analytics nahekommt.
Die ehrliche Regel: Bluesky lohnt sich dann, wenn es dich fast nichts zusätzlich kostet.
Ein realistischer Workflow: 20 Minuten pro Woche
So sieht ein Bluesky-Setup aus, das man neben allem anderen durchhält:
- Handle über die eigene Domain setzen. Zwei Wege führen dahin: ein TXT-Eintrag unter
_atproto.deinemarke.de— oder, falls du an dein DNS nicht rankommst, eine kleine Textdatei unterdeinemarke.de/.well-known/atproto-did. Beides einmalig, danach heißt dein Account@deinemarke.de. Zehn Minuten Aufwand, dauerhafter Vertrauensgewinn. - Drei bis fünf Custom Feeds abonnieren, in denen deine Zielgruppe wirklich diskutiert. Das ist deine Recherche und dein Einstiegspunkt in Gespräche.
- Zwei bis drei Beiträge pro Woche. Kein eigenes Redaktionskonzept nötig — nimm, was du ohnehin für LinkedIn oder den Blog produzierst, und schreib es für Bluesky um. Nicht kopieren: umschreiben. Kürzer, direkter, meinungsstärker, ohne LinkedIn-Floskeln.
- Antworten zählen mehr als Posten. In einem kleinen, aktiven Netzwerk bringt ein guter Kommentar in einem Thread mit 40 Beteiligten mehr als der dritte eigene Beitrag der Woche.
- In relevante Starter Packs kommen. Frag Kurator:innen in deiner Nische aktiv an. Das ist der schnellste Hebel für die ersten tausend Follower.
- Einen eigenen Feed bauen, wenn du eine klare fachliche Nische besetzt. Ein gut kuratierter Feed ist auf Bluesky die wertvollste Form von Markenpräsenz — du wirst zur Infrastruktur für ein Thema, nicht nur zu einem Absender darin.
Der entscheidende Punkt ist Schritt 3. Bluesky rechnet sich für die meisten Teams nur als Zweitverwertung — nicht als eigener Kanal mit eigener Produktion. Wie man Inhalte plattformgerecht mehrfach nutzt, ohne dass es nach Copy-Paste aussieht, haben wir in unserem Leitfaden zu Content Repurposing im Detail beschrieben.
Was Bluesky heute noch nicht kann
Fairerweise: Es fehlt einiges. Keine privaten Accounts (die sollen über das Protokoll kommen, aber nicht so bald). Keine ausgereifte Analytics-Oberfläche. Kein Werbeprodukt, falls du doch skalieren willst. Videolänge weiterhin begrenzt. Und offiziell veröffentlicht Bluesky keine Zahlen zu aktiven Nutzern — man ist auf externe Schätzungen angewiesen.
Wer das aushält, bekommt eine Plattform, auf der Sichtbarkeit noch von Inhalt abhängt und nicht von Budget.
Und wo steht capty dabei?
Bluesky steht bei uns auf der Roadmap und ist im Produkt als Coming Soon markiert. Was wir heute schon abdecken: plattformgerechte Aufbereitung deiner Inhalte und eine konsistente Brand Voice über alle Kanäle hinweg — also genau die Arbeit, die aus einem LinkedIn-Post einen Bluesky-Post macht, der nicht nach LinkedIn klingt.
Wenn du testen willst, wie ein Text auf einer bestimmten Plattform wirkt, kannst du dafür jederzeit unseren kostenlosen Caption Check nutzen.
Und wir sind dort natürlich selbst unterwegs: @capty.ai auf Bluesky — eingerichtet über genau die Domain-Verifizierung, die weiter oben beschrieben ist.
Willst du deine Inhalte für jede Plattform passend aufbereiten, statt sie überall gleich zu posten? Wähle deinen Plan und teste capty kostenlos — bis zu 21 Tage, mit Erinnerung vor Ablauf.
Häufig gestellte Fragen
Wie viele Nutzer hat Bluesky 2026? Knapp 46 Millionen registrierte Accounts. Die aussagekräftigere Zahl: rund 10,4 Millionen monatlich und etwa 3 Millionen täglich aktive Nutzer in der Mobile-App (Similarweb, Mitte 2026). Bluesky selbst veröffentlicht keine Aktivitätszahlen.
Lohnt sich Bluesky für Unternehmen überhaupt noch? Für Tech-, B2B-, Medien-, Wissenschafts- und Agenturmarken ja — wegen geringer Konkurrenz, engagierter Community und offener Schnittstellen. Für lokales B2C und visuell getriebenen Handel eher nicht.
Kann man auf Bluesky Werbung schalten? Nein. Bluesky hat kein Werbeprodukt und setzt stattdessen auf Abos und Zusatzdienste. Reichweite entsteht dort ausschließlich organisch.
Wie verifiziert man ein Unternehmensprofil auf Bluesky?
Über die eigene Domain als Handle. Entweder per TXT-Eintrag im DNS oder über eine Textdatei unter /.well-known/atproto-did auf deiner Website. Danach heißt dein Account zum Beispiel @deinemarke.de. Kostenlos, kein Abo nötig. Wichtig: Eintrag beziehungsweise Datei müssen dauerhaft bestehen bleiben, weil Bluesky sie wiederkehrend prüft.
Was sind Custom Feeds und warum sind sie relevant? Custom Feeds sind von Nutzern gebaute, thematisch gefilterte Beitragsströme, denen man folgen kann wie einem Account. Sie sind der zentrale Distributionsmechanismus auf Bluesky — und damit ist Bluesky die einzige große Plattform, auf der man Distribution selbst bauen statt nur bespielen kann.
Wie oft sollte man auf Bluesky posten? Zwei bis drei eigene Beiträge pro Woche plus regelmäßige Antworten in relevanten Threads reichen für den Anfang. Gespräche wiegen auf Bluesky mehr als Postfrequenz.